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Die Frage nach dem Matriarchat...

 
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JaNkO
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Anmeldungsdatum: 19.12.2005
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BeitragGeschrieben: Mon Dez 19, 2005 3:46 pm    Titel: Die Frage nach dem Matriarchat... Antworten mit Zitat

Hallo,
eine Frage, die mich schon seit einiger Zeit beschäftigt, ist die Tatsache, ob wir das Matriarchat überhaupt jemals wieder verstehen können. Das sicherlich ein Großteil der Vorstellungen über das Matriarchat von diversen Urvölkern isolierter Inselwelten abgeleitet wurde, ist sicherlich eine Sache, die andere ist wiederrum unser patriarchaisches Denken. Also unsere Lupe durch die wir dieses Leben betrachten. Kann mir jemand versprechen, dass matriarchaisches Leben in Europa tatsächlich so geprägt war, wie wir es heutzutage noch in vereinzelten Insel- und Urwaldvölkern vorfinden? Darf man dies auf den europäischen Kulturkreis tatsächlich übertragen? Immerhin beschreiben wir ein vorstellbares, archaisches Matriarchat aus unserem patriarchaisch geprägten Denken heraus. Entsteht dort nicht schon ein gewisser Grad an Selbsttäuschung, den wir einfach nicht voll und ganz ausklammern können?

Was macht eine ForscherIn so sicher, tatsächlich über das Matriarchat zu reden und nicht über eine Vermischung mit ihrem patriarchaisch geprägtes Denken hereinzufallen.

Ich finde, dass der Prozess und die Vorstellungen über ein Matriarchat noch längst nicht abgeschlossen sind. Es ist ja nicht nur das Denken, sondern ebenso der gelebte "Geist", der sich hinter dem Erkennen einer neuen-alten Gesellschaftsform verbirgt. Kann der Mensch denn von sich behaupten das Matriarchat zu verstehen, solang er/sie im patriarchaischen "Geist" gefangen ist???

Es wäre super, wenn Alteingesessene über ihre Erfahrungen schreiben könnten.
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Hannelore
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BeitragGeschrieben: Mit Dez 21, 2005 3:07 pm    Titel: Antworten mit Zitat

Mit dem Matriarchat ist es genauso wie mit jeder anderen Lebenserfahrung, die eine Person nicht selbst gemacht hat.

Es ist möglich, sich in die sozialen Beziehungen matriarchaler Gesellschaften einzufühlen/einzudenken, die patriarchale Brille ein Stück weit abzulegen, wenn man sich wirklich intensiv damit beschäftigt, d.h. diese Sozialform studiert.

Ein Kind, das mit 7 Geschwistern auf einem Bauerhof aufwächst, weiß nichts über die Erfahrungen eines Einzelkinds in der Stadt. Es kann sich aber darüber informieren und je mehr es sich damit beschäftigt, desto stärker kann es sich eindenken/einfühlen.

Das Gleiche gilt für Frauen und Männer, die in der patriarchalen Kultur in völlig unterschiedlichen Erfahrungswelten leben. Vielen Menschen ist das oft nicht bewusst. Die meisten fühlen/wissen z.B. nicht, dass sie leiden.


Hier ein Beispiel:
In „Weibliche Wirklichkeit“ beschreibt Anne Wilson Schaef eine Übung, die sehr anschaulich und aufschlussreich ist. Wilson Schaef spricht vom WMS, dem „weißen männlichen System“, was im Grunde synonym mit Patriarchat ist.

Das WMS (Weißes männliches System) hält seine Dogmen für allumfassend and allgemein gültig. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Dies wurde mir vor einigen Jahren klar, als ich in einem der südlichen US-Staaten einen Workshop über Rassenfragen hielt. Damals war die Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen auf ihrem Höhepunkt, and die Schulbezirke mussten solche Workshops abhalten, um die öffentlichen Zuschüsse nicht zu gefährden.

Die Gruppe, mit der ich arbeitete, bestand etwa zur Hälfte aus Schwarzen and zur Hälfte aus Weißen. Keine Seite wollte das prekäre Gleichgewicht gefährden, das sie errichtet hatten, and ich wurde engagiert, weil man mich für vollkommen harmlos hielt.

Ich hatte mir eine ziemlich einfache Übung ausgedacht and wollte sie in der Gruppe ausprobieren, um einige Informationen zu erhalten. Ich bat die Teilnehmer, drei Spalten auf ein Papier zu zeichnen. In die erste Spalte sollten sie die Eigenschaften eintragen, die ihrer Meinung nach speziell für Schwarze typisch wären. Die 2. Spalte sollte die typischen Eigenschaften der Weißen enthalten, and in der 3. Spalte schließlich sollten sie die gemeinsamen Eigenschaften der beiden Gruppen auflisten.

Ich erklärte den Teilnehmern die Aufgabe, setzte mich hin and wartete. Nach einer Weile war die Angst im Raum schier zum Greifen, and ich beschloss, der Sache nachzugehen. Ich stellte fest, dass die Schwarzen genau das getan hatten, was ich gesagt hatte.

Da sie das System der Schwarzen kannten, fiel es ihnen leicht, alles das aufzuschreiben, was sie für typisch bei ihrer Rasse hielten. Da sie auch das WMS kannten - gezwungenermaßen, sie mussten ja überleben -, konnten sie die typisch „weißen“ Eigenschaften ebenfalls angeben. Sie waren bereit, zur dritten Spalte überzugehen.

Die Weißen dagegen hatten große Schwierigkeiten, diese Übung zu machen. Sie kannten das System der Schwarzen nicht and konnten folglich die erste Spalte nicht ausfüllen. Da sie sich des WMS nicht bewusst waren (man muss erst mal reine Luft geatmet haben, bevor man dicke Luft bemerken kann), konnten sie auch die zweite Spalte nicht ausfüllen.

Sie wurden immer unsicherer, und die meisten versuchten sich gleich an Spalte 3. Sie hatten beschlossen, die Unterschiede zwischen den beiden Systemen zu ignorieren (Motto: Vergessen wir die Unterschiede - Unterschiede trennen nur!), und konzentrierten sich statt dessen auf die Gemeinsamkeiten (Motto: Betonen wir lieber die Gemeinsamkeiten, die Erfahrungen der Schwarzen im WMS klammern wir mal aus!).

Außerdem fingen alle zu mogeln an - die typische Schulsituation. Einer spickte beim andern. Als die Weißen sahen, dass die Schwarzen die beiden ersten Spalten ausfüllen konnten, wurden sie unruhig. („Wie können die etwas wissen, was wir nicht wissen?“) Als die Schwarzen merkten, dass den Weißen keine Antworten für die beiden ersten Spalten eingefallen waren, fühlten sie sich preisgegeben. („Wir Schwarze wissen zwar genau, dass die Weißen nicht alles wissen - aber das dürfen die ja nicht merken. Wenn die herausfinden, dass sie gar nicht überlegen sind und dass wir das auch noch wissen, stehen wir morgen auf der Straße!“)

Was die Gruppe erlebt hatte, war die Zerstörung eines Mythos.
Die Weißen waren nicht überlegen und wussten nicht mehr als die Schwarzen. Ja, die Schwarzen wussten sogar mehr - gezwungenermaßen!

Um im WMS zu überleben, hatten sie das WMS genau kennen lernen müssen. Da andererseits die Weißen es nicht nötig hatten, das System der Schwarzen zu kennen, hatten sie wenig oder gar nichts darüber in Erfahrung gebracht. Dies wäre nur möglich gewesen, wenn die Schwarzen es ihnen erklärt hätten. Das war jedoch nicht geschehen und würde wohl auch nie geschehen.

Beide Seiten fühlten sich nach dieser Übung am Ende. Die angeblich überlegenen und allwissenden Weißen hatten die Aufgaben nicht gelöst! Die Schwarzen versuchten zwar, den Mythos der weißen Überlegenheit und Allwissenheit zu stützen - sie wollten ja nicht ihre Jobs verlieren -, aber sie hatten die Fragen beantworten können!

Es ist manchmal nicht leicht, daran zu denken, dass es das Dümmste sein kann, klug zu sein! Der Mythos besagt, die Weißen wüssten mehr. In Wahrheit wussten die Schwarzen mehr.

Es kann außerordentlich schwierig sein, einem weißen Mann ein anderes System nahezubringen. Selbst wenn er bereit ist, andere Wirklichkeiten kennenzulernen, muss er ständig gegen ein inneres, eingefleischtes Gefühl der Überlegenheit und Allwissenheit ankämpfen. Diese Mythen haben sehr tiefe Wurzeln im Mann, die sich nicht leicht ausreißen lassen.

Es bedarf einer fast übermenschlichen Anstrengung und eines enormen Engagements auf beiden Seiten. Seit ich versuche, weißen Männern das Weibliche System zu erklären, kann ich ermessen, wie viel Zeit, Energie und Liebe sich meine schwarzen Freunde gegeben haben, um mir ihr System nahezubringen.

+++

Wer noch mehr darüber lesen möchte:
Die vier Mythen des WMS
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BeitragGeschrieben: Don Dez 22, 2005 11:04 am    Titel: Sehr interessant! Antworten mit Zitat

Hallo Hannelore,

wurde dieses "Experiment" auch mal in einer Mann-Frau-Gruppe ausprobiert? Mich würde interessieren, ob die Frauen unter der gleichen Problematik zu leiden haben wie die Schwarzen unter den Weißen und sie uns Männder dadurch erheblich besser verstehen und durchleuchten können als wir Männer es jemals bei den Frauen tun könnten. Würde ich beschreiben wollen was typisch Frau ist, würde ich wohl oder übel in patriarchale Stereotype verfallen aber bestimmt nicht zum Wesenskern Frau vordringen können. Immerhin empfinde ich es so, dass es bereits genug Frauen gibt, die den Männern bereitwillig jede "typisch Frau" Charaktereigenschaft abkaufen, die man ihnen im Laufe der Jahrzehnte suggeriert hat. Wie du siehst, ich empfinde es als Mann immer noch schwer sich in eine Frau wirklich hineinzufühlen. Was meinst du, kann ein Mann das gleiche intuitive Verständnis für ein Matriaracht mitbringen wie es bspw. eine Frau könnte?
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BeitragGeschrieben: Don Dez 22, 2005 1:56 pm    Titel: Re: Sehr interessant! Antworten mit Zitat

JaNkO hat folgendes geschrieben:
Hallo Hannelore,

Mich würde interessieren, ob die Frauen unter der gleichen Problematik zu leiden haben wie die Schwarzen unter den Weißen und sie uns Männder dadurch erheblich besser verstehen und durchleuchten können als wir Männer es jemals bei den Frauen tun könnten.

Ja, weil Frauen in der Hierarchie weiter unten stehen. Wenn sie "was werden" wollen im System, müssen sie Männer imitieren (Karriere) oder ihnen dienen (Ehe/Hausfrau) und dafür ist es natürlich notwendig, sie genau zu beobachten und zu verstehen. Frauen, die "gut dastehen", egal ob als Berufs- oder Familienfrau müssen vorgeben, sie wären kleiner, dümmer, unfähiger, als sie in Wirklichkeit sind, denn wie die Schwarzen im beispiel oben, würden sie sonst das Tabu brechen. Und das irre daran: Frauen merken meist nicht, dass sie sich zurücknehmen, es ist ihr "normales" fest eingefahrenes Verhalten, über das sie nie nachgedacht haben; sie kennen von Klein auf nichts anderes und brauchen nur die anderen Frauen (Mutter!) nachzumachen.

So erhält sich das System selber.

Zitat:
Was meinst du, kann ein Mann das gleiche intuitive Verständnis für ein Matriaracht mitbringen wie es bspw. eine Frau könnte?


Du meinst "kann ein patriarchaler Mann..." - Wenn Millionen von Männern in matriarchalen Gesellschaften, die es zum Glück noch gibt, schwimmen wie ein Fisch im Wasser, warum sollten es andere Männer nicht können?

UND: Matriarchat wird von patriarchalen Frauen genauso gut oder schlecht verstanden wie von patriarchalen Männern. Es ist keine Frage des Geschlechts, sondern der Sozialisierung in einem bestimmten System.

Außerdem: Im Matriarchat stehen nicht die Frauen im Mittelpunkt, wie so häufig dargestellt, sondern die Kinder. Die Nachkommen sind die Zukunft, sie sind die wiedergeborenen AhnInnen, denen der Respekt und die ganze Aufmerksamkeit gilt. Ähnlich wichtig sind alle alten Leute (die Ältesten), denn sie werden zu AhnInnen, von denen man dann Hilfe und Unterstützung erwartet.
Eigentlich müsste es nicht Matriarchat sondern zumindest Mammalia-Kultur heißen, weil es die Art aller Säugetiere ist, wie der Kreislauf, nachdem matriarchale Völker leben, in Gang gesetzt wird. Die Menschenfrauen werden nach alter patriarchaler Manier mal wieder höher bewertet als ein weibliches Reh oder eine Löwin.
Aber das schließt ja auch schon wieder alle anderen Lebenszyklen aus, wie den der Sonnenblumen...
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BeitragGeschrieben: Don Dez 22, 2005 3:09 pm    Titel: Die Bedeutung eines theologischen Bewusstseins Antworten mit Zitat

Ich habe dazu einen Artikel veröffentlicht, der noch mehr Licht ins Dunkel bringt: Die Bedeutung eines theologischen Bewusstseins
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